
Nahe bei der Stadt Gardelegen an der Milde liegt ein festes Haus, die Isern-Schnibbe genannt, das soll gar uralten Ursprungs sein. Drusus, der Römerfeldherr, soll dasselbe schon begründet haben. Am Ende der Burgstraße, nach der Isern-Schnibbe hin, war sonst auch ein Tor, dadurch ritten die Herren von Alvensleben ein, welche die Gerichtsbarkeit über die Burgstraße hatten. Und weil das Tor der Burgstraße infolge des Öffnungsrechtes für die Herren von Alvensleben Tag und Nacht nach deren Verlangen offengehalten werden sollte, so entstand Zwistigkeit zwischen ihnen und dem Magistrat von Gardelegen, denn der Magistrat war der Ansicht, wenn man in einer Stadt bei Tage und bei Nacht die Tore aufgesperrt halten solle, da brauche man weder Schutzwächter noch Mauern und hätte daher viel lieber dieses Tor, statt ganz offen, ganz zu gesehen. Nun traf sich's eines Tages, daß auf dem Rathaus zu Gardelegen ein Zweckessen stattfand, bei welchem auch das älteste Familienoberhaupt derer von Alvensleben zugegen war, und da war man fröhlich und guter Dinge und berührte keinen Streit. Nur im Scherz gedachte der Bürgermeister des Tores und sagte :“Was meint Ihr, gnädiger Herr, wenn wir's zumauern ließen?” - “Ho!” sagte der Herr von Alvensleben, “wartet noch ein wenig, ich will erst spazierenreiten!” -“Bis Ihr zurückkommt, kann es zu sein!” sagte jener darauf, und der Ritter hob den Humpen, tat einen Schlurf und rief: “Habt Ihr so flinke Maurer? Um Euer ganzes Nest reit ich herum und bin doch wieder da, ehe eine Schwelle so hoch liegt, daß ich nicht darübersprengen könnte!” - “Versucht's, Herr Ritter!” - “Topp! Ich reite!” rief der Herr von Alvensleben und ließ sein bestes Roß vorführen.
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Der Bürgermeister hatte aber mit Absicht den Scherz auf die Bahn gebracht, um ihn in Ernst zu verkehren, er hatte die Maurer und die Steine und Kalk und Mörtel alles schon zur Hand.
Los ging's! Der adlige Herr schwang sich siegesgewiß auf sein Roß, preschte wie der Blitz davon und ruck, zuck!, schon begannen die Maurer - so schnell konnte man kaum gucken - unter den stürmischen Zurufen der Menge geschwinde einen Backstein auf den anderen zu fügen. Indessen saß auf dem hohen Gardeleger Kirchturm ein Beobachter, der den wilden Ritt des von Alvensleben genau verfolgte und seine Meldungen, wie weit der Herr schon vorangekommen war, durch ein großes Sprachrohr nach unten rief.
Von Alvensleben peitschte seinen Gaul. Es war ein rechter Teufelsritt, über Stock und Stein, als ginge es um Leben und Tod.
Aber auch am Tor ging es "rund". Ständig lauter wurden die Anfeuerungsrufe der Gardeleger: "Schneller, schneller, noch ein Stein und noch ein Stein und Mörtel, Mörtel ... los, los!" Und die Maurer schufteten und rackerten, was das Zeug hielt.
Als von Alvensleben kurz vor dem Tor war und das Geschrei der Bürger hörte, frohlockte er, er glaubte schon gesiegt zu haben.
Da stürzte sein Roß, doch ohne Schaden, und hier der Aufenthalt, dort die Eile ursachten, daß binnen der kürzesten Zeit die Gardeleger ein Tor und die
Herren von Alvensleben ein Recht weniger hatten.
Die Burg und die Vogtei Gardelegen wurden im Jahre 1448 vom Markgrafen Friedrich dem Jüngeren, der seinen Sitz in Tangermünde hatte, an Werner von Alvensleben für 1100 Rheinische Gulden und 330 Mark Stendalschen Silbers, wie urkundlich überliefert, verkauft.
Joachim von Avensleben ließ im Jahre 1784 den Turm sprengen und die ganze Burganlage abtragen, um an deren Stelle ein Herrenhaus zu setzen.